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Humboldt-Universität zu Berlin - Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien

Positionspapier

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Aktueller Kontext

Die Gender Studies sind in der medialen, politischen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit immer wieder mit fundamentalen Angriffen konfrontiert, die in einem breiteren Kontext von Anti-Genderismus stehen.

Der sogenannte Anti-Genderismus impliziert nach Hark/Villa (2015) eine ,Anti‘-Haltung, eine Abwehr gegen Gender beziehungsweise gegen das, was diesem Begriff unterstellt wird. Angriffe richten sich zum einen auf (meist verkürzt oder falsch wiedergegebene) Gendertheorien und damit gegen die freie Ausübung von Wissenschaft, zum anderen gegen Gleichstellungspolitiken und die Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt.

Der Anti-Genderismus hält in letzter Zeit vermehrt Einzug in politische Programme (nicht nur offensichtlich rechts-orientierter politischer Parteien) und mediale Debatten. In diesem Zuge werden sexistische, homo-, queer- und transfeindliche sowie rassistische und antisemitische Positionen vermehrt normalisiert und bestärkt.

Meinungspluralität und -freiheit in der Öffentlichkeit werden durch Hassrede bedroht. Solche gewaltvollen Angriffe widersprechen demokratischen Grundsätzen, weil dadurch diskriminierende Ausschlüsse aus der Öffentlichkeit erzeugt werden. Diese antidemokratischen und antiwissenschaftlichen Tendenzen betrachtet das Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien mit großer Sorge.


Selbstverständnis

Das Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien (ZtG) ist ein Netzwerk von wissenschaftlich Tätigen aus vielen Fakultäten und Fächern der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften, die eine Fülle wissenschaftlicher Haltungen und Positionierungen mitbringen und offen sind, die eigene Partizipation an machtvollen universitären Strukturen zu hinterfragen. Es versteht sich als Ort engagierter Wissenschaft, an dem Wissensbestände sowie gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen in Lehre und Forschung kritisch reflektiert werden. Dabei wird die Kategorie Geschlecht als Analyseperspektive zugrunde gelegt, welche im Kontext weiterer Kategorien wie z.B. race, Ethnizität, Klasse/soziale Position, Sexualität, Religion, dis/ability oder Alter verstanden wird. Die Perspektiven der Queer Studies, Postcolonial Studies, Critical Race Theory und anderer kritischer Ansätze sind wesentliche Bestandteile theoretischer Bezüge.

Die am ZtG beteiligten Studierenden, Lehrenden und Beschäftigten verstehen das ZtG als öffentlichen und demokratischen Raum, an dem das Verhandeln unterschiedlicher wissenschaftlicher Positionen als Bereicherung angesehen wird. Für das Austragen wissenschaftlicher und wissenschaftspolitischer Kontroversen sind wechselseitige Wertschätzung und Respekt entscheidende Voraussetzung. Zugleich begreift sich das ZtG als diskriminierungskritischer Raum, in dem die am ZtG Beteiligten anstreben, Rassismus, Sexismus, Nationalismus und anderen Diskriminierungsformen, die in Strukturen, Handlungen und Sprechweisen auftreten können, aktiv entgegenzuwirken.


Umsetzung in wissenschaftliche Praxis

Die am ZtG Beteiligten setzen sich in Forschung und Lehre für transdisziplinäre Arbeitsweisen ein, weil sie damit – gestützt auf disziplinäre Theorien und Methoden, die zugleich reflektiert werden – machtkritische Perspektiven auf Wissensvermittlung und Wissensgenerierung entwickeln können.

Mit den im ZtG entwickelten Denkanstößen für eine diskriminierungskritische Lehre werden Lehrende und Studierende angeregt, den Blick auf ihre jeweilige Verantwortung zu richten, um Lehr-/Lernprozesse beispielsweise in Bezug auf ihre Eingebundenheit in gesellschaftliche Machtstrukturen zu reflektieren und gesellschaftlicher Ungleichheit und Diskriminierung etwas entgegen zu setzen.

Die im ZtG Forschenden zielen mit ihrer akademischen Wissensproduktion sowohl auf grundlegenden Erkenntnisgewinn als auch auf die Gestaltung demokratischer Gesellschaften durch wissenschaftlich fundierte Beiträge. Die Gender Studies tragen zur Theorieentwicklung verschiedener Disziplinen bei und fördern die transdisziplinäre Institutionalisierung machtkritischer Perspektiven im Wissenschaftsbetrieb.

Durch regelmäßige Veranstaltungen und Publikationen befördert das ZtG den wissenschaftlichen Austausch über die Erkenntnisse der Genderforschung. Zugleich beteiligen sich am ZtG Wirkende am Dialog mit einer breiten Öffentlichkeit über gesellschaftliche Verhältnisse und Fragestellungen. Wissenschaftspolitisch setzen sich die am ZtG Beteiligten auf universitärer, regionaler und überregionaler Ebene für den Erhalt, den Ausbau und die Weiterentwicklung der Gender Studies ein.

In Zeiten von Anti-Genderismus, Anti-Intellektualismus, Rechtspopulismus und Übergriffen auf Haltungen und Personen ist es für die am ZtG Beteiligten besonders wichtig, Diskriminierungen und Ausschlüssen in ihren verschiedenen strukturellen und institutionellen Dimensionen und Dynamiken sowie Wissensprozessen entgegenzutreten.

Berlin, 19. Juni 2017